Ich möchte hier "ein Wächter sein, der nur seinen Körper und von seinem Körper nur das innere und geistige Wort besitzt", "ein Wächter, der Selbstgespräche führt", wie es mein Freund Pierre Campion ausdrückte.
DIE HAARE
Schon zwei Jahre töne ich mir jetzt die Haare. Mich dazu durchzuringen, war schwierig, denn es steht immer der dumme Vorwurf im Raum (auch wenn man diesen Vorwurf als erster an sich selber richtet), die Zeichen des Alters nicht zu akzeptieren, sich vor ihnen zu verstecken und sich etwas vorzumachen. Aber schon vor meinem vierzigsten Geburtstag waren meine Haare grau meliert und sie wandelten sich immer mehr in ein unverkennbares Weiß. Ich hatte genug von diesem Verschwimmen, das die Gesichtszüge nicht mehr zusammenhielt, ihre Umrisse auflöste und das bleich gewordene Fleisch schlaff machte. Der erste Eindruck war allerdings nicht vorteilhaft, ich sah plötzlich meinen Kopf von einer dunklen steinigen Haube umschlossen, die wie ein seltsamer Helm auf mir saß. Der Vergleich der neuen Farbe, einem intensiven Kastanienbraun, mit dem unveränderten Farbton meiner Augenbrauen war fragwürdig. Ich musste mich daran gewöhnen. Es war getan, und seither gefällt mir meine Gesichtsform, die Rundung meines Schädels, betont von einer gewellten, aber ordentlichen Strähne, mit der die Umrisslinie endet. Liebe zur "klaren Kontur", wie bin ich Dir verfallen! Auch der Liebe zu mir selbst, zwangsläufig!
DIE STIRN
Man hat sie am liebsten breit, hoch, "klar und offen" (Maurice Scève), eine Haut wie Alabaster, anstatt eng, finster, beschränkt und verpickelt. Sie ist das Schaufenster des Verstandes, dort entfaltet sich der Gedanke (wenn ich denke, scheine ich zu leiden, sagte ich früher einmal). Sie ist die "Zettelwand", an sie heftet sich die unruhige Seele des Liebsten, der Geliebten (dort lässt sich der Sturm oder die Lähmung ablesen, die Leidenschaft und die Verspieltheit, das Interesse, die Gleichgültigkeit…). Sie richtet den Zugang zum Blick des Anderen ein, zum eigenen Blick auf sich selbst. Mittelmäßig, einfach, gewöhnlich, erzeugt sie dann mittelmäßige Gedanken, triviale Wünsche, anonyme Erwartungen?
DAS OHR
Mein rechtes Trommelfell platzte am 1. Mai 1997. Ein dummer Unfall (wie die meisten Unfälle dieser Art). Ich vergaß, dass ich ein Wattestäbchen bis zur Hälfte in den Gehörgang gesteckt hatte, als ich ein Handtuch, das bis dahin um meinem Hals gelegen hatte, plötzlich und sehr kräftig ganz über meinen Kopf zog. Der Schmerz blieb dumpf, es gab kein Blut. Aber in die Unversehrtheit meines Organismus war ein Riss getreten, und ich machte mit einer bakteriellen Invasion von außen Bekanntschaft. Mehrfach wiederholte Infektionen und Mittelohrentzündungen in den folgenden Jahren führten dazu, dass ich einen großen Teil meiner Hörfähigkeit verlor. Um mein Trommelfell wieder herzustellen, fand nach etwas mehr als fünf Jahren ein Eingriff statt. Eine kleine, hinter der Ohrmuschel freigelegte Öffnung ermöglichte eine Lasertransplantation. Das ging schnell, und die Öffnung wurde wie feine Spitze vernäht. Diese Feinheit und diese Geschicklichkeit lassen mich noch immer vom Wunder der Chirurgie träumen - wobei, während ich dies schreibe, ein kleiner, genau umschriebener Schmerz wiederkehrt. Ich habe fast mein gesamtes Hörvermögen zurückbekommen.
DAS GEHÖR
Ich kann lange Strecken ohne Musik auskommen, manchmal über mehrere Jahre hinweg (in der ersten Zeit meines Madagaskaraufenthaltes). Aber wenn ich wieder welche höre, ist es genau so, als ob Letztere niemals abwesend gewesen wäre, als ob sie das leise Rauschen unwissend bis in die unterste Krümmung der Hörmuschel verfolgt hätte. Abwesende Anwesenheit! Die Poesie ist sicherlich auch ein einzigartiger Ausdruck dieses Kontinuums, dieses Dämpfers. Das innere Verstehen, das selbst Musik und Sinn der Musik ist, leitet und ordnet; das äußere Zuhören, das durch das Trommelfell und all die physiologischen Resonatoren (reparierbar, einstellbar falls erforderlich!) ermöglicht wird, stützt sich auf das Erstere,um jedes Geräusch einzugliedern.
DIE AUGENBRAUE
Weder ein einfacher Strich à la Ava Gardner, noch ein mephistophelisches Buschwerk. Sie, in der sich sogar die Farbe der Jugend erhalten hat, wächst manchmal in sehr langen, Akzente setzenden und Büschel formenden Fragehaaren.
DAS AUGE
Es ist blau, Himmel und Meer - meteorologischen Schwankungen ausgesetzt, die es nach Belieben aufhellen oder trüben, es fast grau oder grün werden lassen. Die Iris ist mit allerlei Kleinem, Rundem, Braunem, Goldbraunem übersät, deren Glanz sich mit dem Lichteinfall ändert. Es scheint, als ob (vor allem in Ländern, in denen dieser Farbton rar ist) viele Leute Angst davor haben, dem Blick solch blauer Augen standzuhalten, denn sie haben den Eindruck, sagen sie, innen hinein zu sehen, als ob sie in eine Intimität fielen, die zugleich Abgrund ist, den sie betreten und in dem sie vom Unbekannten erfasst werden. Diese "Glasaugen" sind für sie nicht wie die Anderen, nicht wie die Schwarzen oder die Braunen: schillernde Spiegel, die einen Schutz zwischen Mensch und Mensch aufstellen, sondern Fallen, wo der Andere sie anzieht, ohne etwas von seinem Wesen preiszugeben. Blaue Augen, Augen der Entführung und des Raubs, ihr öffnet Abgründe ohne sie wieder zu schließen!
DER BLICK
Ich weiß, dass mein Blick manchmal herausfordernd ist, denn er forscht, bohrt, beharrt. Ich lege nicht immer Zurückhaltung in meine Art und Weise zu mustern, fremdes Benehmen und fremde Wesen zu untersuchen, so unbedingt meine ich, ein Geheimnis durchschauen, erkennen, verstehen zu müssen… Das ist oft ungeschickt und wirkungslos. Diese Gewohnheit bringt einige Unannehmlichkeiten mit sich, aber diese gewissenhafte und beharrliche Aufmerksamkeit, wenn sie sich auf Gegenstände und auf die Winzigkeiten richtet, die zwischen ihnen ablaufen, erweist sich als meisterhaft, um in die Welt zu gelangen - vor allem in dem Augenblick, in dem die visuelle Anspannung nachlässt und plötzlich das Ungesehene anwesend sein lässt.