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"Erst verzichtet man auf das Unmögliche und dann auf den ganzen Rest."

Aus Anlass der Veröffentlichung von Pierre Michons "Leben der kleinen Toten" bei Suhrkamp übersetzen wir zwei Auszüge aus einem Text zu Balzac ("Trois auteurs", Verdier, 1997), der noch nicht im Deutschen erschienen ist.


Aus dem Französischen: Marina Barré

Zwei mögliche Erklärungen zum schöpferischen Zusammenbruch Balzacs um 1848, an dem er schließlich sterben sollte. Die idealistische Hypothese: "Erst verzichtet man auf das Unmögliche und dann auf den ganzen Rest." (Henri Thomas). Oder: Wenn man nicht mehr an das Unmögliche glaubt, warum noch den kleinen Finger rühren? Balzac hatte den Glauben daran verloren, dass ihm die Literatur, die Frau von Rang oder der Ruhm zugänglich waren. Er hatte all das vereinnahmt. Und wenn man sich all dessen mit Gewalt bemächtigt hat, welcher Grund, welche irrsinnige Hoffnung kann einen dazu bringen, das nächtliche Theater weiter zu betreiben. Die Literatur erkannte ihn als einen der ihren an. Und vielleicht sagte sich Balzac, der dicke eitle Mann, der dicke unwürdige Mann, dann wie Groucho Marx: " Wie nur wollt ihr, dass ich es annehme, einem Klub anzugehören, der Leute wie mich aufnimmt."

Die nihilistische Hypothese: "Übrigens, ich bin schließlich in die privaten Gemächer gegangen, und ich muss gestehen, es gibt sie überhaupt nicht... Eigenartig! Und ich habe felsenfest an diese privaten Gemächer geglaubt" (Robert Walser). Wenn man die Comédie humaine geschrieben hat, weiß man, dass es nichts war, Literatur: Nichts als nächtliche Wichtigtuerei, diese Tränen, die man sich herausdrückt, dieser Putsch des incipit und dieser Wille, der uns nach Vorn reißt, gegen Ende, dieser Körper, den man mit Koffein durchlöchert, diese tödliche Hoffnung.



Von denen, die in die privaten Gemächer vordringen, begreifen einige augenblicklich, dass es sie nicht gibt: Rimbaud. Andere kämpfen sich zwanzig Jahre ab, um sich dessen gewahr zu werden; wenn sie es verstanden haben, wenden sie ihren Kopf ab und machen unbeirrt weiter, sind gnadenlos dem Niedergang geweiht: Parabel von Faulkner. Andere wiederum versehen die Gemächer mit vierfachen Schlössern und einer gepanzerten Tür: Finnegans wake.

Bleibt die Grazie. Was heißt das schon, wenn sie leer sind, die Gemächer? Bleibt der Weg voll Hoffnung und Glauben, der einen zu ihren Türen führt. Bleibt dieser dicke Mann voll Grazie; den die Grazie fünfzehn Jahre lang am Nacken gepackt hat, eine verschlungene Grazie mit Masken der Eitelkeit, der Habsucht, des Snobismus, des Genies. Und die sich vielleicht, um dem Ganzen ein Ende zu setzen, offenbart und im Weggehen gesagt hat: Es war nicht, was du geglaubt hast, es war die Comédie. Du wähnst sie kaum begonnen und schon ist sie zu Ende, sie ist der Schlüssel zu diesen Gemächern, besuche sie, dann stirb, wenn du willst, oder lebe; ich habe anderes zu tun. Ich werde nicht wiederkommen.

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Jedes Mal, wenn ich durch La Châtre fahre, denke ich an Balzac. Nicht wenn ich La Châtre von Norden nach Süden durchquere, denn dann fährt man durchs Zentrum, und dort gibt es nur Apotheken, auf Alt getrimmte Fachwerkhäuser, Bars, eine Buchhandlung, einen Geldautomaten des Crédit Agricole (es stimmt, dass ich dort manchmal Geld hole, und man sollte jedes Mal an Balzac denken, wenn man Geld holt). Nein, ich denke an ihn, wenn ich von Süden nach Norden fahre in Richtung Bourges, wo die Einbahnstrasse einen in peinigende Vorstädte zwingt, mit großen Notarshäusern und Glyzinien, kaum geöffneten Fensterläden, Weidenbäumen, Niemand,. Dann ist es das Issoudun der Halb-Solde, das Alençon der Antiken, das Sancerre der armen Didine: Das ist Provinz, wie es sie heute nicht mehr gibt. Ich frage mich, ob es dort noch genug Muße und Leidenschaft gibt, um sich ein Leben lang um die Erbschaft zu reißen, wo heute alles schneller geht. Die Langsamkeit ist dagegen geblieben, das langsame und furchtbare Leben. Da sind sie, hinter den Weiden, ganz tief in den Höfen, jene, die auszogen, Korn zu suchen und ohne Stroh heimkehrten. Man sieht sie nicht, sie verbergen sich von Vater zu Sohn in Apothekerkitteln, sie sammeln Unterlagen, frankieren Akten, der Staub hält sie fest. Da sind sie, hinter den Glyzinientrauben, die Dichter, die keine geworden sind, die Löwen, die zu Hunden geworden sind, die liebenden Frauen, die bis ins Alter vergeblich gebrannt haben und deren ganze Überlegenheiten in dem Maße eine Wunde in der Seele hinterließen, wie die Kälte der Provinz sie gefangen nahm, sie zum Erstarren brachte, sie zart zermürbte - und ihnen Zeit ließ, alle Zeit darüber nachzudenken.

© Editions Verdier, 1997
Marina Barré



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